KAMELOT – Haven

Nicht alle – nach präziserer Betrachtung vielmehr die wenigsten – Bands sind beim Vollzug eines Sängerwechsels derart vom Glück geküsst wie Kamelot. Man sagt ja gerne leichthin, es sei besonders schwer, einen vokalen Charakterkopf zu ersetzen, dessen Stimme mehr als andere prägt und für Wiedererkennungswert sorgt, doch sind wir mal ehrlich: Von welcher musikalischen Formation, mit der sich ein geneigter Hörer zumindest ein wenig beschäftigt und deren Arbeit er zu schätzen gelernt hat, würde er nicht behaupten, es stünde ein unersetzbarer Fels am Mikrofon, unumstößlich und absolut unaustauschbar, so die Kapelle willens ist, ihr Gesicht und ihre eingefleischte Fanbase zu wahren. Kurzum: Für JEDE Band ist es schwer, einen neuen Sänger zu etablieren und möglicherweise wird es durch Faktoren wie der Größe des Backkataloges oder dem gemeinsamen Bestehen in einer spezifischen Konstellation ungleich schwerer.

Doch Kamelot ward, wie eingangs erwähnt, Fortuna diesbezüglich besonders hold und der Weggang des stimmlich so großen Roy Khan im Jahre 2011 konnte den Amerikanenr nichts anhaben. Das erste Album ohne den Dänen, der sich aus gesundheitlichen Gründen in seine Heimat zurückzog, dafür an seiner statt der Schwede Tommy Karevik (vormals Seventh Wonder), begeisterte 2012 Kritiker wie Fans gleichermaßen. Und wo „Silverthorn“ vor drei Lenzen mit einem Paukenschlag aufhörte, setzt „Haven“ nahtlos an.

Obschon es sich es sich beim neuesten Release aus der Feder Youngbloods nicht um ein Konzeptalbum im klassischen Sinne handelt, darf es dennoch gerne als solches betrachtet werden, sieht das musikalische Mastermind der Band doch im Sinnbild des Hafens den sicheren Zufluchtsort für eine – unsere – Menschheit, die ihr Dasein in einer sich zusehends zu Wahnsinn und Tohuwabohu hin wandelnden Welt fristen muss. Manie, Chaos, Dunkelheit und Melancholie – große Emotionen, die sich die Melodic-Power-Institution auf ihrem inzwischen elften Studiorelease auf die Flagge geschrieben hat und grandios an den Rezipienten transportiert. Eine Erkenntnis, die mich erst nach einigen Durchläufen der Scheibe, dann allerdings vollumfänglich, heimsuchte, schien mir das Gehörte doch zu Anfang recht inhomogen und, speziell bezüglich der Gesangsparts, überdramatisiert. Wäre diese Rezension nach mageren drei Runden der CD durch den Player entstanden, man würde sie nicht wiedererkennen.

Doch, und dafür bin ich nachhaltig dankbar, „Haven“ und ich haben uns kennen und gar ein bisschen lieben gelernt. Diese gar nicht allzu zarte Flamme der Zuneigung verdanken Kamelot vielerlei Aspekten, die sie anno 2015 unwahrscheinlich richtig und gut gemacht haben. Nehmen wir zum Beispiel die zunächst fälschlicherweise als leicht überspitzt empfundene, punktgenaue Akzentuierung der Vocals: Tommy Karevik, der die großen Fußstapfen des Khan leidenschaftlich ausfüllt ohne jeglichen Versuch der Imitation, singt scheinbar keine Note, nicht ein einziges Wort unbedacht, sondern verleiht jeder Zeile einen emotionsgeladenen Ausdruck und kreiert damit eine dramaturgische Höchstleistung, die sich fließend in die nicht weniger sorgsam agierende Orchestrierung einbettet. Ja, das ist tatsächlich Drama, Baby – aber es ist gut so, wie es ist. Die symphonischen Elemente erreichen in ihrer Vielfalt große Wirkung – wohl portioniert, immerdar und mächtig, und doch nicht erdrückend, wie es leider bei latenten Genrekollegen mitunter der Fall ist.

Die größte Meisterleistung vollbringen Kamelot jedoch mit der Komposition der Songs, so man jeden für sich betrachtet, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren: „Haven“ ist, wie man es von den erfolgsverwöhnten und immer populärer werdenden Mannen nicht anders erwartet, eine filigrane Gratwanderung zwischen Airplay-Hit und virtuoser, wenn auch auf ein Minimum reduzierter, Vertracktheit – und Thomas Youngblood, Oliver Palotai und Co. wackeln bei diesem Drahtseilakt nicht für einen Augenblick. Lässt man das kurze Interludium “Ecclesia“ außen vor, bekommt man mit diesem Release nicht weniger als zwölf (von zwölf, man mag es fast nicht glauben) schier unwiderstehliche Refrains dargereicht, die sich gnadenlos festsetzen und Mitsingen geradezu heraufbeschwören. Doch damit nicht genug: Auch die Strophen und Bridges haben ein komplettes Eigenleben – was die erste Empfindung der Inhomogenität meinerseits erklärt. So erinnern mich beispielsweise einige wenige intonierte Zeilen von „My Therapy“ latent an das außerordentlich verehrte „The Lost Art Of Keeping A Secret“ der Queens Of The Stone Age, bloß um Sekunden später in eine völlig andere Richtung zu marschieren. Und man folgt. Denn Kamelot kredenzen es trotz kleiner, aber dafür umso feinerer, Revolutionen als stimmige Einheit und sorgen gerade dank jener Quantensprünge zwischen Chorus und dem, mir übrigens mitunter sehr viel besser gefallenden, Rest eines jeden Songs, den Seiltanz gar meisterlich zu Ende zu bringen.

Bei aller bisher erwähnten Kunst ist natürlich auch die erfrischende und moderne kamelot’sche Härte nicht auf der Strecke geblieben. Voran geht das stampfende „Revolution“, das eventuell sogar in einer schwarzen Disco gute Chancen hätte. An dieser Stelle und bei einem der absoluten Album-Highlights, dem per Doublebass und Saitensolo anklagenden „Liar Liar (Wasteland Monarchy)“, ist Alissa White-Gluz, ihres Zeichens Neo-Fronterin von Arch Enemy, zum wiederholten Male in der Kamelot-Diskografie mit von der Partie, und macht gerade zweiteres Stück zu einem grandiosen Ohrwurm.

Eine weitere Kollaboration stellt das extrem fragile „Under Grey Skies“ dar, bei welchem Charlotte Wessels (Delain) ihre Stimme zum Duett mit Tommy beisteuert. An der werten Dame liegt es nicht, dass diese und im Übrigen auch die zweite Ballade der Platte „Here’s To The Fall“ mich nicht vom Hocker reißen und das sonst als überaus angenehme Hörerlebnis stören. Die beiden Nummern sind sicherlich nicht minder gut komponiert und arrangiert, haben abermals sich festsetzende Refrains und doch wollen sie nicht zünden – in den leisen Tönen ist es mir des sanften Kitsches dann doch minimal zu viel und so skippe ich an diesen Stellen gerne weiter (obschon ich auch jene weniger geliebten Songs inzwischen mitsingen kann).

Was dennoch bleibt ist ein außerordentlich hoher Gesamtgenuss, der durch die beiden Balladen nicht empfindlich gestört wird, und ein ums andere Mal zu begeistern weiß – schließlich sind Kamelot mitunter derart einfallsreich, dass es bei jedem neuerlichen Durchlauf noch etwas zu entdecken gibt, auf das man vorher noch nicht gestoßen ward. Es lohnt sich in jedem Fall ganz genau hinzuhören, damit „Haven“ seine vollumfängliche Wirkung entfalten kann.

Tracklist: Kamelot - Haven Album Cover 2015

01. Fallen Star
02. Insomnia
03. Citizen Zero
04. Veil Of Elysium
05. Under Grey Skies
06. My Therapy
07. Ecclesia
08. End Of Innocence
09. Beautiful Apocalypse
10. Liar Liar (Wasteland Monarchy)
11. Here’s To The Fall
12. Revolution
13. Haven

[hupso]


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