Tiere von SIMON BECKETT oder Es reibt sich die Haut mit der Lotion ein

Simon Beckett Tiere

Einleitende Worte oder Warum gerade dieses Buch

Tiere ist, wenn man es offiziell und chronologisch betrachtet, anstatt nach Veröffentlichungsdatum in Deutschland, der zweite Roman des britischen Bestseller-Autors Simon Beckett.

Mittels eines Blickes in meine Taschenbuch-Ausgabe von Simon Becketts „Die Chemie des Todes“ stellte ich gerade fest, dass es nunmehr tatsächlich schon vier Jahre her ist, dass der hübsche, schwarz-weiß aufgemachte, Einband besagten Werkes, der mich in einer Bahnhofs-Buchhandlung förmlich anlächelte, eine neue Passion meinerseits für einen, mir bis dato unbekannten, Autor begründen sollte. Den ersten Band der David-Hunter Reihe um den gleichnamigen forensischen Anthropologen verschlang ich an einem Tag und die Fortsetzung war, noch mal Glück gehabt, gerade als Hardcover erschienen. Doch nach „Kalte Asche“ hieß es warten.

Simon Beckett entschloss sich, vermutlich nicht zuletzt aufgrund des Erfolges seiner Geschichten um den vom Leben gebeutelten Forensiker, seine alten Romane, die lange vor seinem Aufstieg in den Bestseller-Olymp in England erschienen sind, nach Deutschland zu schicken. „Tiere“ ist die finale Veröffentlichung seiner vier Erstlingswerke, faktisch jedoch das zweite Buch seiner Schriftsteller-Karriere, erschien es doch bereits im Jahre 1995 in Becketts Heimat unter dem Namen „Animals“.

„Tiere“ ist meinerseits ein absoluter Blindkauf, wenn man so will. Worüber das Buch handelte, war mir im Vorfeld des Kaufes egal, der alleinige Name Simon Becketts war Kaufgrund genug (alleinige Name deshalb, weil ich mich bisher strikt weigere diese Sammelbände mit Kurzgeschichten verschiedener Autoren zu kaufen, DA reicht mir sein Name als ausschließlicher Kaufgrund dann doch nicht aus). Ein bisschen Angst hatte ich dann, als ich das Buch aus der Bücherbund-Filiale abholte und den Klappentext las, dann doch. Denn, und das möge man mir nicht übel nehmen: Gewalt gegenüber Menschen kann ich gut lesen, Gewalt gegenüber Tieren jedoch nicht (und nein, ich toleriere keins von Beidem, es geht bei diesem „Outing“ schlichtweg um Lesestoff). Dementsprechend war ich gespannt, was da nun, aus den Federn meines Lieblingsautors stammend, auf mich zukommen würde…

Klappentext

Manche Menschen sind Tiere.
Nigel ist sicherlich nicht der Hellste. Aber er ist meistens ganz guter Laune. Im Büro gibt es immer etwas zu kopieren, und außerdem sind da Cheryl und Karen. Auch im Pub, den seine Eltern früher führten und in dem Nigel jetzt wohnt, fühlt er sich wohl. Er gibt hier zwar kein Bier und keine Zigaretten mehr, aber Nigel interessiert sich sowieso mehr für Fernsehen und Comics.

Und dann ist da noch der Keller. Hier hält Nigel seine Mitbewohner. Dass die nicht freiwillig da unten wohnen, stört Nigel nicht…

Buchdaten

Deutsche Erstausgabe veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2011
Originalausgabe unter dem Titel „Animals“ veröffentlicht bei Allyson & Busby, London, 1995
Übersetzung aus dem Englischen von Andree Hesse
Taschenbuch: 288 Seiten
Preis: 9,99€
Genre: Thriller
ISBN: 978-3499249150

 

Der Autor

Bevor der 1968 geborene Brite Simon Beckett mit seinen Kriminalromanen/Thrillern die Bestsellerlisten eroberte, war er unter anderem als Hausmeister und Lehrer in Spanien tätig. Dann entdecke Beckett, der einen Magister-Abschluss in Englisch sein eigen nennt, seine Affinität zum Schreiben und arbeitete fortan als Journalist in England. Diese Arbeit brachte ihm schließlich zahlreiche Einblicke hinter die Kulissen polizeilicher Vorgehensweisen, was sich speziell in seinen Romanen rund um David Hunter bemerkbar macht. Die Reihe um den forensischen Anthropologen umfasst bislang vier Bände: Die Chemie des Todes („The Chemistry of Death“) DE 2006, Kalte Asche („Written in Bone“) DE 2007, Leichenblässe („Whispers of the Dead“) DE 2009 und schließlich Verwesung („The Calling of the Grave“) DE 2011. Seine ersten Romane, welche Jahre vor der Hunter-Reihe entstanden, nämlich allesamt in den 90ern, sind eher dem Gerne des psychologischen Thrillers zuzuordnen. In Deutschland erschienen diese Bücher erstmals in den vergangenen Jahren, namentlich: Obsession DE 2009, Flammenbrut („Where There’s Smoke“) DE 2009, Voyeur („Fine Lines“) DE 2010 und schließlich das hier vorliegende Tiere („Animals“) DE

Vorwort des Autors

Das im Buch befindliche Vorwort des Autors ist unglaublich passend und beschreibt das, was den Leser erwarten mag, nur allzu deutlich, weswegen ich, da ich es trefflicher auch nicht formulieren könnte, an dieser Stelle kurz die wichtigsten Passagen zitieren möchte:

„Tiere ist mein zweiter Roman und bis heute wohl mein bösester. Hinsichtlich des Stils, der Geschichte und der Erzählperspektive war und ist er wohl sicherlich ein Sonderfall. […] wollte ich einen Erzähler erschaffen, der grausame Taten begeht, für den der Leser aber dennoch Sympathien hegt. Ein Monster mit menschlichem Antlitz, wenn man so will.
[…]Ein Comic-Fan und fernsehsüchtiger Einzelgänger, dem nicht einmal bewusst ist, dass das, was er tut falsch ist, ja der gar nicht versteht, warum er es tut.[…]“

Charaktere

Nigel scheint in seiner geistigen Entwicklung teilweise auf dem Stand eines Kindes, meiner Meinung nach in etwa am frühen Beginn der Pubertät, wenn nicht sogar noch ein, zwei Jährchen früher, stehen geblieben zu sein. Zwar ist sein gegenwärtiges Alter nicht explizit erwähnt, schätzen würde ich jedoch aufgrund der Umstände Anfang bis maximal Mitte 20. Trotz seiner Entwicklungsstörung hat er sich gut in das alltägliche Leben integriert und kommt, obwohl seine Eltern vor drei, bzw. 5 Jahren von ihm gegangen sind, gut allein zurecht. Er hat einen Job auf dem Amt, bei welchem er Hilfsarbeiten verrichtet und schmeißt seinen Haushalt, nämlich das alte, konzessionslose Pub, welches seine Eltern früher betrieben, einigermaßen problemlos.

Schon während der Schulzeit war Nigel ein Außenseiter, hatte weder richtige Freunde, noch tatsächliche Bezugspersonen, mit denen er über Alltägliches oder gar Intimes hätte reden können. So verhält es sich auch heute, und der mittlerweile erwachsene Mann ist auch bei seiner Anstellung beim Arbeitsamt einer, den die Leute meiden und über den man sich aufgrund seiner offensichtlichen Unzulänglichkeiten gerne auch mal lustig macht und hinter seinem Rücken über ihn lacht. Einzig seine Kolleginnen Karen und Cheryl grüßen den Jüngling und unterhalten sich ab und an mit ihm, und besonders die attraktive, wenn auch etwas mollige, Cheryl genießt deswegen die Sympathie des Soziopathen.

In seiner Freizeit beschäftigt sich Nigel bevorzugt mit Videofilmen und Comics, bestimmte Fernsehzeiten und Sendungen werden fast schon rituell jeden Tag konsumiert. Besonders Walt Disney, und im speziellen Bambi, haben es dem, im Grunde, kindlichen Nigel angetan. Sein letztes, und wohl ungewöhnlichstes, „Hobby“ jedoch sind seine „Tiere“, die er in Verschlägen unterhalb des Pubs im Kellergewölbe hält und einmal täglich mit Hundefutter und Wasser verköstigt. Bei diesen „Tieren“ handelt es sich um Landstreicher, Prostituierte und sonstige Trunkenbolde, die Nigel mehr oder minder zufällig in die Arme gelaufen sind. Im Übrigen sieht er seine „Untermieter“ grundsätzlich als Neutrum an und spricht über sie nur als „es“, niemals jedoch „er“ oder „sie“.

Nigels Eltern sind inzwischen beide tot, doch noch heute denkt Nigel in fast allem was er tut darüber nach, was Mama oder Papa dazu gesagt hätten. Als sein Vater damals seinen Job als Fabrikarbeiter verlor, beschlossen die Eltern, sich mit einem Pub selbstständig zu machen. Allgemein hat Nigel zu seinem Vater ein innigeres Verhältnis, was besonders an den gestrengen, religiös verwurzelten, Ansichten der Mutter lag. So durfte beispielsweise nie geflucht werden oder gar über „unanständige“ Sachen diskutiert werden, selbst dann nicht, als der Sohn das entsprechende Alter erreicht hatte. Aufklärung war dementsprechend ein Fremdwort. Dass Nigel offenbar nicht ganz „normal“ war und sich in seiner Entwicklung von anderen Kindern unterschied, wurde nie ganz offen thematisiert, geschweige denn etwas dagegen unternommen. Anstatt das Kind zu fördern, wurden Probleme totgeschwiegen und ignoriert, höchstens in vermeintlicher Zweisamkeit sinnierte das Elternpaar kurz darüber, ob wohl etwas nicht ganz in Ordnung sei mit ihrem Kind. Ernsthaft angesprochen und thematisiert wurde die Problematik jedoch auch in solchen Gesprächen nie, eine Lösung musste nicht gefunden werden, da es ja offensichtlich kein wirkliches Problem gab.

Cheryl & Karen arbeiten in der gleichen Abteilung wie Nigel und sind, wie erwähnt, die einzigen, die sich zumindest latent mit dem sonderbaren Mann abgeben. Dennoch sind die dahinter stehenden Absichten eher als zweischneidig zu erachten, wobei besonders Karen den ständig errötenden Nigel mit ihren weiblichen Reizen aus der Reserve zu locken sucht und sich insgeheim einen Spaß aus den Reaktionen des Sonderlings macht. Cheryl immerhin versucht ihre Freundin ab und an in die Schranken zu weisen und scheint einigermaßen ehrlich an Nigel interessiert.

Handlung

Der Leser begleitet Nigel, der die Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt, durch einige Tage, offenbar nicht mal eine ganze Woche, seines Lebens. Dabei gewinnt er einen Einblick in den Alltag des Einzelgängers und wird sowohl Zeuge seiner exzessiven Film-und Comic-Affinität als auch unzähliger Kleinigkeiten, welche das Leben des Sonderlings prägen (beispielsweise die Beseitigung des Mülls). Weiterhin erhält der Leser in unzähligen Rückblicken Hintergrundwissen zu Nigels Kindheit, dem Verhältnis zu seinen Eltern und der Entwicklung, die hinter den aktuellen Lebensumständen des Mannes steckt. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist zum einen der bevorstehende Besuch von Karen und Cheryl, die sich Nigels altes Pub ansehen wollen und zum anderen, natürlich, der kellereigene Privatzoo…

Meinung

Da ich, wie eingehend erwähnt, ein großer Fan von Simon Beckett bin, weiß ich schon lange, dass sich die alten Romane, die in den 90er Jahren entstanden, grundsätzlich von der David-Hunter-Reihe unterscheiden. Obwohl ich eigentlich ein Mord-und-Totschlag-Fetischist bin, habe ich auch die drei vor „Tiere“ erschienenen Beckett-Taschenbücher aus dem Rororo-Verlag sehr gerne gelesen, weil ihr, teils leiser, aber dennoch greifbarer, psychischer Thrill immer für gute Unterhaltung und stellenweise Faszination gesorgt hat. So war ich mir auch diesmal darüber im Klaren, was mich erwarten würde und was eben nicht…

Die Story

Die Geschichte und die Idee an sich gefallen mir gut. Einblicke in die Psyche von nicht ganz koscheren Menschen sind immer etwas interessantes, und so ist das Grundkonzept, auf dem „Tiere“ beruht, durchaus aller Ehren wert und wurde auch interessant von Beckett umgesetzt. Das Ende sagt mir persönlich nicht unbedingt zu, es passt allerdings zu hundert Prozent zu dem Eindruck, den man vorher von Nigel gewinnen konnte, insofern fügt sich auch dies stimmig an die plausibel erzählte Geschichte an. Großartige Logikfehler konnte ich nicht unbedingt beklagen, nur einmal fragte ich mich warum erst Musik die Frage aufwirft, ob die „Tiere“ von draußen gehört werden können. Schließlich sollte man meinen, dass verzweifelte Schreie durchaus auch einen gewissen Lautstärke-Pegel erreichen. Davon abgesehen jedoch gibt es aus meiner Sicht keine Mängel zu beklagen.

Der Erzählstil

So neu ist ja die Sache mit der Ich-Perspektive eines Mörders, in Nigels Fall nenne ich es mal stattdessen Opfer unglücklicher Umstände, als Eye-Catcher im Buch nicht. Wobei, wir müssen fair sein, „Animals“ erschien ja lange vor Paul Cleaves „Der siebte Tod“ (in Deutschland 2007 erschienen, unter dem Originaltitel „The Cleaner“ in englischer Sprache im Jahre 2006). Dort wurde der Leser jedenfalls auch mitgenommen in den Alltag eines Mörders und dieses Buch, ich weiß, daran scheiden sich auch wieder die Geister, ist mir als absolut großartig in Erinnerung geblieben, Joes, dessen Lieblingshobby die Ermordung von Frauen ist, Vorteil gegenüber Nigel ist, dass er sich nicht wie ein zehnjähriges Kind ausdrückt. Anfangs haben Nigels Erzählungen durchaus noch ihren Charme, doch beim 200ten „total“, „echt“ und „und so“ geht es einem langsam, aber sicher auf die Nerven: „Da flippte ich echt aus. ‚Doch, ich habe einen! Er gehörte meiner Mama und meinem Papa, aber dann sind sie gestorben und haben ihn mir überlassen'“ (Seite 25, 2. Auflage April 2011). Sicher, in einigen Situationen ist es unglaublich komisch, Nigels naiven und dementsprechend artikulierten, Gedanken zu folgen und man kann sich eines Schmunzlers nicht verwehren, aber auf die Dauer sind diese kleinen, immer wieder angehängten Floskeln für das Lesevergnügen nicht ganz so zuträglich. Die Ich-Perspektive an sich ist jedoch ein großes Plus des Buches, grundsätzlich immer eine spannende Sache, und der Sprachstil ist, wenn auch leider gewöhnungsbedürftig, der Hauptfigur absolut angemessen.

Die Charaktere

Abgesehen von Nigel selbst haben die wenigsten Figuren des Buches eigenen Redeanteil, geschweige denn könnte man einen Blick in ihre Gedanken gewinnen. Die Charakterstudien fallen, da sie ja allesamt von Nigel stammen und auch von diesem formuliert werden, verständlicherweise recht oberflächlich aus, weswegen es dem Leser schwerfällt, Bezug zu den einzelnen Menschen aufzubauen.
Karen und Cheryl beispielsweise kommen, trotz der eingeschränkten Sympathie, welche letztere seitens Nigel genießt, gänzlich unsympathisch daher, so dass man sich schon zu früher Stelle des Romans wünscht, dass auf dem Speiseplan der beiden Grazien demnächst tonnenweise Hundefutter steht.
Ähnlich verhält es sich mit den Eltern. Zwar kann man dem Vater noch einige positive Ansätze abgewinnen, die Mutter wiederum lässt einen völlig kalt, besonders aufgrund ihrer nicht nachvollziehbaren religiösen Ansichten, die, und das ist das eigentliche Problem, nie tiefer begründet wurden.

Nigel selbst, nun ja, Beckett erwähnt in seinem Vorwort, er möchte, dass man Sympathie gegenüber dem, teilweise schlichtweg bösen, Mann empfindet. Aber finde ich Nigel wirklich sympathisch oder ist es nicht doch was anderes?
Mitleid? Definitiv, die glaubwürdigen Schilderungen seiner Kindheit und auch der Adoleszenz lassen mich Mitgefühl entwickeln für einen Mann, dem nie Begründungen geliefert wurden für bestimmte Sachverhalte und der keinerlei gezielte Förderung erhalten hat, welche seiner ungewöhnlichen Entwicklung bedurft hätte. Besonders schwer ins Gewicht fällt das Leistungsdefizit der Eltern was die Erziehung angeht.
Verständnis? Ja, auch das, allerdings nur bedingt und in einem gewissen Rahmen. Wenn ihn die Reaktionen seiner Gefangenen völlig kalt lassen oder aber aus einem anderen Grund berühren, als der „Normalo“ das erwarten würde, ist es natürlich schwer nach einer Rechtfertigung zu suchen und zu verstehen, was Nigel da tut. Zumal er es ja nicht mal selber weiß. Trotzdem, das Verständnis rührt, ebenso wie das empfundene Mitleid, aus dem Hintergrundwissen, welches der Leser aus Nigels Worten gewinnen kann.
Aber Sympathie? Ich persönlich muss das verneinen. Nicht etwa wegen dem, was Nigel tut, schließlich konnte mein Über-Ich mein Ich beim Lesen von „Der Siebte Tod“ dabei beobachten, wie es den Frauenmörder Joe anfeuerte und mitfieberte, wenn er knapp davor war, erwischt zu werden. Solche, fragwürdigen zugegeben, Gemütszustände habe ich bei Nigel in keinster Weise. Zwar hege ich durchaus Interesse daran, wie es mit ihm weitergeht und wünsche ihm beispielsweise in seiner zwischenmenschlichen Beziehung zu Cheryl nur das Beste, aber sympathisch ist er mir deshalb noch lange nicht. Sicherlich, leicht könnte man den kindlichen Charme, mit dem der Einzelgänger alles schildert, auf den ersten, flüchtigen Blick mit Sympathie verwechseln, und auch ich sehe mich lächeln, wenn Nigel etwas völlig alltägliches als „total gut“ erachtet oder schmunzle, wenn er über die Vorzüge von Bambi und Co. referiert, aber mache ich mir die Mühe, genauer auf meine Empfindungen zu hören, dann kann ich ganz klar statuieren: Sympathie, definitiv nein!

Die Spannung

Ich möchte mich zwar nicht auf die Minute genau festlegen, jedoch grob geschätzt hat es in etwa 6 Stunden gedauert, bis ich „Tiere“ ausgelesen hatte. Das zeugt von sehr kurzweiligem Lesevergnügen, doch muss ich vorwegstellen, dass ich Beckett-Bücher grundsätzlich nur schwerlich weglegen kann und mich erst am Ende ärgere, so schnell gelesen zu haben, dass ich jetzt wieder wer weiß wie lange auf das nächste Buch warten muss. Trotzdem ist „Tiere“ mit seinen nicht einmal 300 Seiten tatsächlich untypisch kurz ausgefallen, was zwar zum Einen schade ist, andererseits aber doch ganz gut, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Erzählung schlichtweg Schilderungen von ganz alltäglichen Dingen sind. Es passiert eben selten etwas Spannendes in Nigels Leben, und wenn doch, empfindet der Leser, der sich, das setze ich mal voraus, in einem völlig anderen geistigen Alter als der Protagonist hier befindet, dies nicht unbedingt als spannend. Deswegen bin ich mir absolut sicher, dass sehr viele Leute das Buch mit dem Prädikat „besonders langweilig“ behaften werden. Und ja, auch ich muss zugeben, dass sich einige Passagen doch arg in die Länge ziehen. Ich glaube nicht, dass ich so viel über das Wegbringen meines Mülls sinnieren könnte wie Nigel das kann (aber ok, ich muss auch nichts Verdächtiges entsorgen und kann dies nur ein paar Schritte vor der Tür erledigen).

Hier sind es definitiv, mal wieder, die ganz leisen Töne, die die Spannung nicht mit „Knall“ und „Peng“, sondern unterschwellig vorantreiben. Suspense ist hier eine lodernde Flamme, auf deren Ausbruch man sich mit jeder neuen Seite, die man aufschlägt, zusehends vorbereitet. Und wenn man sich dann schließlich damit abgefunden hat, dass nicht nur Nigel, sondern entsprechend auch sein Empfinden für gewisse Situationen einfach anders ist, wird man die Schilderungen des Mannes schlussendlich als spannend empfinden können, auch wenn Paukenschläge und schnelle Wendungen in diesem Buch schlichtweg ein Fremdwort sind. Die Spannung entsteht hier mit teilweise völlig unvorhersehbaren und nicht nachvollziehbaren Reaktionen seitens Nigel und ist eher in dessen Psyche als in der Nebenhandlung zu suchen. Das muss man mögen, was jedoch nicht jeder zu können vermag, soviel ist sicher. Etwas speziell ist das Buch eben doch.

Fazit

Ich bin nicht enttäuscht von „Tiere“, die absolute Begeisterung jedoch stellt sich auch nicht ein. Während ein David Hunter von einem ins nächste Schlamassel taumelt, ist Nigels Alltag die meiste Zeit schlichtweg ereignislos und die anfangs niedlichen Schilderungen fangen irgendwann dezent an zu stören. Nicht so sehr, dass man das Lesen beenden möchte, aber doch in dem Maße, dass ich mich dabei beobachten konnte, wie ich, zumindest imaginär, das ein oder andere Mal die Augen verdrehte.

Weiterhin ist es schwer, sich mit den Charakteren zu identifizieren, zumal für manche Dinge einfach die logische Erklärung ausbleibt (weil Nigel nicht im Stande ist, diese Aufklärung zu leisten). Für mich ist dieses vierte, und somit letzte, Taschenbuch aus dem 1990er Schaffen Becketts, definitiv das Schwächste. Trotzdem hat „Tiere“ seinen ganz eigenen Charme und ist, besonders wegen der Ich-Perspektive in der Erzählstruktur ein interessanter Psychothriller, bei dem der Thrill heimlich, still und leise und vorwiegend im Kopf des Protagonisten lauert.

Ich spreche eine Empfehlung aus für diejenigen, die keine Hatz a la David Hunter brauchen und die damit leben können, dass die psychische Gewalt der physischen weit voraus ist.

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SIMON BECKETT - Tiere

SIMON BECKETT - Tiere
7

Unterhaltungswert

8/10

    Humor

    9/10

      Spannung

      4/10

        PRO

        • Ich - Perspektive eines Soziopathen
        • charmante und zum Schmunzeln einladende Situationen

        CONTRA

        • Infantiler Schreibstil nervt auf die Dauer
        • einige langatmige Passagen
        • Spannungsklimax seeehr träge