ARCTURUS – Arcturian

Arcturus Arcturian Cover

Selbst Liebhaber von (und Sich-Auskenner mit) Genrebezeichnungen als auch die genial-illuminierten Kreateure von immerneuen Wortschöpfungen im Schubladisierungsbereich werden wohl ihre liebe Mühe haben, einem interessierten Hörer eindeutig zu vermitteln, was oder wer denn bitte genau Avantgarde Metal ist. Viele, und wie ich zum Teil denke, zu viele Bands und Künstler werden mit diesem Stempel versehen, ohne dass im Vorfeld ansatzweise fassbar wird, in welcher Art und Weise die schöpferischen Geister sich zu betätigen versuchen. Aber das mag heutzutage auf beinahe jedes Etikett zutreffen, wenn einer nicht gerade schon mit dem vorliegenden Artisten vertraut, oder wenigstens bekannt ist. Versuche, Dinge komprimiert zu veranschaulichen, stiften gut und gerne mal Fragezeichen.

Klar scheint: Avantgarde = Experimentier- und Spielfreude, neue Wege gehend, Unvorhergesehenes und Unkonventionelles in Songstruktur und zuweilen auch im Instrumentarium – deswegen auch gerne mal die Alternativbegrifflichkeit „Experimental Metal“.

So weit, so grob umfasst. Nun verhält es sich ja in unserem geliebten und schon eine ganze Weile bestehenden musikalischen Kosmos derart, dass zwar nichts bleiben soll, wie es ist und sich ja auch tatsächlich ab und an etwas überraschend Neues auftut, aber gemeinhin doch eine, auch durch die inzwischen erreichte Vielzahl von Veröffentlichungen, Repetition unvermeidbar ist, weil viele Vieles mit subjektiv als verschieden Empfundenem versuchen und am Ende des Tages doch Ähnliches herauskommt. Ist dies dann noch „neu“, „never heard before“ oder „Avantgarde“? Oder ist Avantgarde nur noch jenes, was sich nicht anderweitig eintüten lässt? Langes Geschwurbel um Nichts – ich komme zum Eigentlichen…

…die neue ARCTURUS. Eine Hörpremiere für mich, denn, obschon mir die erlesenen Bandköpfe aus ihren sonstigen, nicht gerade unpopulären Stationen Dimmu Borgir, Mayhem, Ulver und Borknagar geläufig sind, ging dieses norwegische Quasi-Allstar-Projekt bislang an mir vorbei.

Meine Unkenntnis mag unter anderem auch dem Umstand geschuldet sein, dass „Arcturian“ den ersten Tätigkeitsnachweis des Fünfers nach 10 Jahren Stille darstellt. Ein Hören durch den Backkatalog habe ich mir vor dem Genuss dieses aktuellen Werkes gespart.

Der Ausflug ins Unbekannte beginnt mit „The Arcturian Sign“ und mit einem Elektropart, – Einsprengsel dieser Natur finden sich in einigen der noch folgenden Stücke – was mich aber nur kurz in meiner ohnehin sehr rudimentären Vorstellung des noch Kommenden verunsichern soll, denn dann setzt auch glücklicherweise das erste dunkelgefärbte metallische Riff ein, gepaart mit röhrenden Synths und einem mich bereits nach zwei Takten nervenden Schlagzeugsound – letzterer erinnert auch fortwährend an Auswürfe einer nicht registrierten Drum Machine-Shareware, insbesondere die Snaredrum. Sorry Hellhammer, für derart abgemischten Sound kannst du (hoffentlich) nichts!

Und dennoch kann mich der Titelsong packen und freudig stimmen auf das, was noch kommen mag, obschon ich den Klargesang (welcher übrigens das Gros an Stimme des Albums ausmacht) von Simen Hestnæs alias ICS Vortex aus Dimmu-Zeiten runder in Erinnerung hatte. Teilweise treibt der gute Mann seine Vokalspiralen bis an die Grenze des Erträglichen, stellt das überkandidelte Gejaule dann aber dankbarerweise auch wieder rechtzeitig ein, so dass man diesen avantgardistischen Faktor bereitwillig als „gehört und für kreativ und nicht gar so schlimm befunden“ abhaken kann.

In seiner vielfältigen Gänze genieße ich den ersten Song, der mich in Stimmung und Rhythmik an den Sound von Covenants „Nexus Polaris“ denken lässt, – dieser Gedanke taucht ebenso später beim „Archer“ wieder auf -, und hinterlässt für mich, als vorgezogenes Resümee, den stärksten Eindruck dieses Albums.

Wenn wir von Sound reden… den Klang in seiner Gesamtheit empfinde ich als durchgehend störend und tatsächlich, für heute Verhältnisse geradezu unverständlich schlecht. Da man schon ein so breites Arsenal an verschiedensten Klängen, Effekten und Teppichen auffährt, dann gehört dies bitte (bitte!!!) auch ordentlichst abgemischt. Denn viele der wirklich guten, kleinen Ideen, etwa symphonische Versatzstücke, die dem jeweiligen Song einen orchestralen Touch verpassen könnten, gehen leider in diesem allgemeinen Soundbrei unter und verpuffen im rauschenden Nichts der Vergänglichkeit.

Die progressiven Parameter abklopfend, kommt mir „Arcturian“ doch recht übersichtlich und nicht allzu vertrackt daher. Die Songstrukturen explodieren nicht wirklich vor lauter plötzlichen Sprüngen und unerwarteten Schlenkern – alles wohlgeformt und ziemlich eingängig auch beim ersten Hördurchgang.

Positiv zu erwähnen wären auch die drei dem Titeltrack folgenden Stücke – das verträumt-psychedelisch beginnende „Crashland“, das knüppelig-drückende und mit norwegischen Lyrics versehene „Angst“ (mit seinem schon der Black Metal-Kitschkiste zuzuordnenden Best-of-Friedhofsgekreische zum Ende) und das mit Akte X-ähnlichem Elektrogefiepe unterlegte und leicht groovige „Warp“ warten jeweils mit ihrer individuellen Mischung aus Frische, Altbekanntem und dem nötigen guten Spannungsbogen auf.

Letzterer fällt in der Folge gesamthaft leider drastisch ab und verkommt gar zur Abwärtsspirale – Songs wie der elektrolastige „Demon“, welcher, teils stampfend und dann fade plätschernd, mit 8-Bit-Gedudel runtergemotzt wird, um kurz darauf mit einem dubstep-ähnlichen Beat und klagendem wie kläglichem Gewimmer vollends darniederzuliegen, mögen experimentell und ja, in jedem Fall anders sein, aber allein deshalb noch nicht gehaltvoll. „Pale“, symphonischer angelegt, pendelt unmunter zwischen Beliebig- und Belanglosigkeit, „The Journey“, wieder mit Tanzflur-affinem Beginn und leider untergehender Akustikgitarrenlinie, verspricht für einen kurzen Moment interessant serviert zu werden, um dann letztlich doch als fade Kost auf dem Silberteller zu landen.

„Archer“ lässt, wie bereits zuvor erwähnt, wieder Zeiten aufleben, zu denen Covenant (noch ohne „K“ und vorstehendes „The“) sehr feines Zeug schusterten und, das gilt es nochmals zu unterstreichen, damals schon den wesentlich besseren Sound zustande brachten.

Zum mittelprächtigen Schluss bieten die schwarzen Mannen mit „Bane“ und seinem Folkmusical-Anteil einen humorigen Abgang eines unter dem Strich zwar nicht anstrengenden, aber auch nicht aufregenden Albums, das mir, in gewaschenem Klangkleid und als, sagen wir: 4- bis 5-Track-EP deutlich mehr zugesagt hätte.

Um das zuallererst befaselte und verallgemeindernde Etikett „Avantgarde Metal“ noch einmal zu bemühen und jenen einen Krumen hinzuwerfen, für die der „Genre-sucht-Subgenre-sucht-Nische“-Findungsprozess einen autostimulativen Akt darstellt, verleihe ich nicht nur der Band, nein!, sondern speziell diesem Album das Prädikat „Schwarzgrundierter, progressiv angetäuschter, symphonisch bemühter Rausche-Metal mit Murks“! 

Arcturus Arcturian Cover

Tracklist:

01. The Arcturian Sign
02. Crashland
03. Angst
04. Warp
05. Game Over
06. Demon
07. Pale
08. The Journey
09. Archer
10. Bane

 [hupso]