LINDEMANN – Skills In Pills

Painlichkeiten mit Rammstein

Ist es ein schlechtes Zeichen, wenn man als schreibender Musikinteressierter bereits vor dem Hören eines neuen Albums die halbe Rezension publikationsreif im Kopf hat? Ja, verdammt, ist es!
Und dennoch… im vorliegenden Falle saß ich da und konnte nicht anders. Man kennt Rammstein, man kennt Pain – was soll schon großartig Überraschendes dabei herauskommen, wenn Herr Lindemann und Schwedentod-Aushängeschild Tägtgren sich ins Studio einschließen und an einem gemeinsamen Bastard werkeln? Hypocrisy auf deutsch? You wish!

Die Vorboten namens Promo & Hype zum Release von „Skills In Pills“ in Form von Interviews, Artwork-Previews, Snippets und nicht zuletzt der angebissene Appetizer namens „Praise Abort“ sollen wohl zur Entschuldigung des vorausgeeilten Klangbildes in meinem Zerebrum – und zum erhofften Freispruch erster Güte – genügen.

Das Video zu obengenannter Single fasst sich grob und knapp als eine kunstvolle Schweinerei zusammen – man lässt Ballerinas auf Dope umhertänzeln, zeigt sich verschmiert-verschwitzt mit Schweinenäschen und allerlei Kopulations- bzw. Masturbationsgesten und unterlegt das Blut-und-Sperma-Bildspektakel mit urtypisch rammsteinigen Riffs, eingängigem Text, leider ohrwurmigem Refrain, alles schön Midtempo… stilsicher, laut, technisch geschliffen und provokant-obszön. So weit, so bekannt. Einzige Neuerung: Herr Lindemann bietet seine textliche Einfalt heuer in Englisch dar… was dem Ganzen meiner bescheidenen Meinung nach im Übrigen nicht zum Vorteil gereicht.

War das rollende Rrr noch ein souverän gekünsteltes Vokalelement zu Rammstein-Zeiten, welches sich zum Trademark ebendieser entwickelte, so klingen Lindemanns rüde Zeilen in holprigem English for runaways leider umso weniger aufgesetzt und noch weniger lyrisch. Das leidende „Ti-Äitsch“ des tumben Teutonen, der sich in einer Weltsprache versucht, is back!

Inhaltlich bewegt man sich auch nicht gerade fern des heimischen Terrains – das Gebräu aus Sex, Gewalt und schwarzhumorigem Andeuten von Gesellschaftskritik zündet allerdings nicht nur aufgrund des fremdsprachqualitativ sehr seichten Gewässers wenig bis gar nicht. Zum Zerbersten plakative Titel wie „Fat“, „Ladyboy“ oder „Golden Shower“ finden ihren hohen Stellenwert heutzutage wohl nur noch in der Suchzeile von Youporn. Ordinär bedeutet eben auch gewöhnlich.

Musikalisch zog Multiinstrumentalist und Produzent Peter Tägtgren alle Fäden, konnte aber wenig Frisches für die Ohren aus dem Hut zaubern. Hier ein bisschen Elektro, dort ein My Gothic, sporadische Streichereinsätze, das Drumming bekannt stampfig und clubtauglich, die Gitarrenarbeit: siehe oben. Pain meets Rammstein light… es darf gegähnt werden.

Einzig gelungen, weil eben so schrill und quer wie Text und Musik sein wollen und es nicht schaffen – das Artwork.
Demnach böte sich das Klangwerk allenfalls noch als akustische Untermalung zu Lindemanns dieser Tage gestarteten Ausstellung in einer Dresdner Galerie an, deren Exponate sich wohl grob unter Dildo-Art einstufen lassen – aufregend vielleicht für Zehnjährige, die die Geisterbahn der alljährlichen Dorfkirmes satt haben oder die letzten Pseudowächter über Moral und Sitte, deren Alarmhüte vom Haupte hüpfen, wenn der Mann mit 6 Brustwarzen auf dem Bildschirm „Abort“ sagt.

Die musikalische Note jedenfalls, und um diese geht es hier ja primär, lässt mich sehr unaufgeregt. Ich hätte zwar prinzipiell nichts gegen einen Rammstein-Sidekick, der nach diesen klingt, jedoch bewegt mich eben jenes uninspirierte Aufkochen der Industrial-Schock-Rock-Ursuppe unter neuem Etikett nur insofern, als dass es meinen Skip-Finger erfolgreich motiviert. Unter dem Strich zu populär, um zu polarisieren, zu synthetisch, um dreckig zu sein… und zu viel laues Lüftchen gesät, um einen Shitstorm der Entrüstung zu ernten.

Tracklist:Lindemann - Skills In Pills Album Cover

01. Skills In Pills
02. Ladyboy
03. Fat
04. Fish On
05. Children Of The Sun
06. Home Sweet Home
07. Cowboy
08. Golden Shower
09. Yukon
10. Praise Abort
[hupso]


2 Kommentare

  • Omni die Nachtgeburt

    Ich darf sagen, dass das beste an dem Album ist, dass Anti es fertig rezensiert hat und wir es nun im Büro nicht mehr hören müssen. Zugegeben, ich war niemals ein großer Rammstein-Fan, doch hatte ich auch nichts (wirksames) gegen sie. Dieses Projekt allerdings erforderte für mich mehr Nerven als ich bereit bin zu geben. Kalkuliert obszön und dabei in keinster Weise schockierend, sondern vielmehr langweilig in seinen verzweifelten Versuchen zu provozieren. Herr Lindemann spricht schlechter Englisch als mein die dritte Schulklasse besuchender Bruder und was man einem möglicherweise noch als neues Trademark verkaufen möchte, mutet einfach nur völlig albern und nahezu peinlich an (und da sich im Power Metal beispielsweise allzu gerne und oft über die defektiven Sprachfertigkeiten von Italienern ausgelassen wird, bin ich der Meinung, dass man auch an dieser Stelle mal einfach so meckern darf).
    Doch das hohe Maß an vermeintlicher Provokation und Plakativität, sowie auch alles andere was für Diskussionen sorgen soll, Mal außer Acht gelassen, bleibt am Ende vor allem eines übrig: Ein absolut langweiliges Album, was zwar nicht wehtut, sondern ob seiner Einfalt einfach nur nervt. Schön, dass es vorbei ist!

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